gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

GKV-Reformen im Urteil der Versicherten: Erst einmal Systemdefizite beheben!

Wissenschaftler fordern nachhaltige Strukturreformen innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung, um zukünftig absehbare Kostensteigerungen im Gesundheits-system abzufangen. Der Beitrag diskutiert konkurrierende Reformvorschläge für das Gesundheitssystem im Urteil der Bürger.

Die Vorschläge zur Reform des Gesundheitswesens in Deutschland sind vielfältig und kontrovers. Seit langem sprechen sich Wissenschaftler und Politiker für eine Begrenzung des GKV-Leistungskataloges aus. Unter dem Stichwort Priorisierung werden Lösungen diskutiert, mit denen scheinbar unabwendbare Kürzungen von Leistungen vollzogen werden können.

Der Beitrag "GKV-Reformen im Urteil der Versicherten: Erst einmal Systemdefizite beheben!" zeigt wie die Versicherten aktuelle und zukünftige Bedingungen im Versorgungssystem bewerten. Was halten die Versicherten von den Reformvorschlägen zur Leistungsbegrenzung und welche Konzepte finden die größte Zustimmung in der Bevölkerung?

Die Auswertung der Umfragedaten zeigt: Die Mehrheit der Befragten bewertet die zukünftigen Entwicklungen im Versorgungsystem kritisch. Gut die Hälfte aller Befragten befürchtet, dass sich in den nächsten 5 Jahren (bis 2014) Verschlechterungen in der Qualität medizinischer Leistungen, der Dauer des Arzt-Patienten-Gesprächs und der Wartezeiten für Arzttermine einstellen werden. Mehrheitlich befürchten die Befragten, dass sie im Alter nicht ausreichend medizinisch versorgt werden, die Wartezeiten für bestimmte Therapien oder Operationen zunehmen und die Krankenversicherung wichtige Leistungen zukünftig nicht mehr übernimmt. Angehörige unterer Sozialschichten und GKV-Versicherte sind besonders pessimistisch, was die zukünftige medizinische Versorgung in der GKV betrifft.

Die Vorstellung einer "Zwei-Klassen-Medizin" ist fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. 90 Prozent aller Befragten nennen in diesem Zusammenhang Unterschiede bei den Wartezeiten auf einen Termin und in der Praxis (84 Prozent). Eine Ungleichbehandlung wird jedoch nicht nur bei den oft als „Service- und Komfort-Merkmal“ definierten Wartezeiten wahrgenommen, sondern erstreckt sich auch auf Aspekte, die die medizinische Versorgung selbst betreffen. So wird auch bei der Dauer des Arzt-Patienten-Gespräches, der Verschreibung wirksamerer Medikamente mit weniger Nebenwirkungen und sogar bei der Berücksichtigung neuester medizinischer Untersuchungen und Therapien ein Unterschied zugunsten der Privatpatienten wahrgenommen. Eine Bevölkerungsmehrheit findet sich für eine Auflösung der PKV, wobei eine solche Systemintegration von vielen Privatpatienten skeptisch gesehen wird.

Reformvorschläge, die Leistungskürzungen und finanzielle Mehrbelastungen der Versicherten in Betracht ziehen, werden von einer deutlichen Mehrheit abgelehnt. Auch Konzepte zur Einführung von Zusatzversicherungen in der GKV oder einer stärkeren privaten Finanzierung einzelner medizinischer Leistungen stoßen auf wenig positive Resonanz. Stattdessen plädieren die Befragten für eine schärfere Kontrolle bei der Notwendigkeit medizinischer Leistungen, staatliche Zuschüsse für das Gesundheitssystem und Leistungseinschränkungen bei Versicherten mit erhöhten Gesundheitsrisiken um den Kostendruck in der gesetzlichen Krankenversicherung zu entschärfen. 44 Prozent sind außerdem dafür, Leistungs- und Produktanbietern im Gesundheitssystem die Honorare zu kürzen. Die Antworten der Befragten machen deutlich, dass höhere Kassenbeiträge, Zuzahlungen oder Zusatzversicherungen auf wenig Verständnis bei den Versicherten stoßen, solange kostenträchtige Missstände wie Überversorgung in der medizinischen Versorgung nicht systematisch überprüft und beseitigt worden sind.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb.5. - Zustimmungswerte zu GKV-Reformen

    Zustimmung zu unterschiedlichen Vorschlägen zur Stabilisierung der Kostensituation im Gesundheitswesen; Befragte, die dafür sind (in Prozent)

    Quelle: Gesundheitsmonitor Frühjahr 2009, 16. Erhebungswelle, N=1.423–1.438
  • Abb.4. - Mehrheit für Auflösung der PKV

    Meinungen zur Auflösung bzw. Integration von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung; Befragte, die beim jew. Vorschlag „eher dafür“ oder „sehr dafür“ sind (in Prozent)

    Quelle: Gesundheitsmonitor Frühjahr 2009, 16. Erhebungswelle, N=1.170–1.251
  • Abb.3. - Die Zwei-Klassen-Medizin in der Patientenwahrnehmung

    Wahrnehmung von Merkmalen einer „Zwei-Klassen-Medizin“; Antworten „ja auf jeden Fall“ oder „eher ja“ (in Prozent)

    Quelle: Gesundheitsmonitor Frühjahr 2009, 16. Erhebungswelle, N=1.288–1.404
  • Abb.1. - Die Zukunft des Versorgungssystems aus Versichertensicht

    Annahmen von Versicherten über Veränderungen im Versorgungssystem in den nächsten fünf Jahren (in Prozent)

    Quelle: Gesundheitsmonitor Frühjahr 2009, 16. Erhebungswelle, N=1.127 bis 1.290