gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Die GKV, das unbekannte Wesen

Es besteht eine große Unkenntnis über die grundsätzlichen Modalitäten der GKV-Finanzierung. Auch das Wissen über grundlegende Reformvorhaben wie die von der FDP forcierte „Kopfpauschale“ bzw. „Gesundheitsprämie“ ist überaus defizitär.

Das Detailwissen über die GKV ist eher gering: Bei den 14 vorgegebenen Statements weiß im Durchschnitt nur jeder dritte GKV-Versicherte hinreichend Bescheid. Kenntnisse über finanzielle Aspekte fallen noch am besten aus. Im mittleren Bereich rangiert das Wissen über Kassenleistungen. Kenntnisse über besondere Tarife wie das Hausarztmodell oder Disease Management Programme (DMP) sind am wenigsten fundiert.

Hinsichtlich der grundlegenden Unterschiede zwischen der GKV und PKV zeigen PKV-Mitglieder in der Tendenz ein fundierteres Wissen als Versicherte der GKV. Allerdings sind auch hier wieder Abstriche zu machen: So ist zum Beispiel gut ein Drittel der PKVMitglieder nicht über das Äquivalenzprinzip informiert.

Eine häufige Lektüre von Krankenkassen- Zeitschriften verhilft nur sehr begrenzt zu besseren Kenntnissen über das Krankenversicherungssystem und angrenzende Themen. Andererseits zeigt sich, dass mit zunehmender Schulbildung auch das Wissen über Krankenversicherungsaspekte steigt.

Überraschenderweise zeigt sich bei Bevölkerungsgruppen mit fundierter Kenntnis des Gesundheits- und Krankenversicherungssystems (und dies auch unabhängig von Gesundheitszustand oder Bildungsniveau) eine stärkere Befürwortung des Solidarprinzips in der GKV.

Ohne Zweifel ist nicht jedes einzelne der von uns vorgegebenen Statements so praxisrelevant, dass ein Versicherter hierzu aus dem Stegreif Bescheid wissen müsste. Unser „PISA“-Test über die Krankenversicherung erfasst zu einem ganz erheblichen Teil jedoch Sachverhalte, die für Versicherte in finanzieller und gesundheitlicher Hinsicht bedeutsam sind und bei denen man oft nicht auf die Idee kommt, dass man sich irren könnte. Mehr als die Hälfte, um nur ein Beispiel zu nennen, ist sich im Unklaren, ob sie den Arzt innerhalb eines Quartals wechseln können, ohne die Rechnung selbst zahlen zu müssen. Dieses Unwissen kann dazu führen, dass man bei einem Arzt in Behandlung bleibt, dem man nicht mehr vertraut.

Im Durchschnitt stehen recht ordentliche Kenntnisse über Beitragsaspekte mangelhaften Kenntnissen über Rahmenbedingungen gegenüber, die von vielen Versicherte als potenzielle Risiken eines Kassenwechsels wahrgenommen werden. Diese Disparitäten des Kenntnisstandes spiegeln allerdings recht genau die Themenpalette der Medienberichterstattung über die GKV wider. Während man Basisinformationen über die Prinzipien der GKV fast nirgendwo findet, findet man im Internet über das Suchwort „GKV“ oder „Krankenkassen“ Dutzende von Seiten, die über unterschiedliche Beitragssätze gesetzlicher und privater Krankenkassen, Tarife und mögliche Einsparsummen bei einem Wechsel informieren.

Der Wissensfundus der Bevölkerung über die Krankenversicherung spiegelt insofern nur wider, was in den Medien verbreitet wird. Dass eine häufige Lektüre von kostenlosen Apothekenzeitschriften das „Systemwissen“ der Krankenversicherten nicht verbessert, ist nicht überraschend, wohl aber, dass derselbe Befund für Krankenkassen-Zeitschriften gilt. Ob Artikel über das Gesundheitssystem und die Krankenversicherung dort Mangelware sind, von Lesern grundsätzlich übersprungen werden oder wenig ansprechend und verständlich gestaltet sind, ist mit unseren Daten nicht zu zeigen. Für Entscheidungsträger in Krankenkassen ist damit jedoch ein Gestaltungs- und wohl auch Forschungsauftrag benannt: Hier wären Studien sinnvoll, die über Inhaltsanalysen und Leserbefragungen die Hintergründe für Irrtümer und Wissensdefizite aufzeigen.

Zwei Gründe dafür hat auch unsere Studie aufgezeigt. Wenn bestenfalls 20 Prozent der GKV-Versicherten über Hausarzttarife, DMPs oder Wahltarife fundierte Kenntnisse haben, dann ist hier wohl auch mit ein Grund dafür zu sehen, dass die viel propagierten neuen Konzepte und darin angelegten Wettbewerbsparameter für die gesetzlichen Kassen bislang zu wenig Resonanz gefunden haben. Und wenn sogar Teilnehmer an Hausarztmodellen und Wahltarifen die genaueren Regularien nicht kennen, so wirft auch dies erhebliche Fragezeichen auf, was die Informationspolitik von Kassen anbetrifft.

Wenn, wie gezeigt, die Zustimmung zum Solidarprinzip in der GKV mit dem Informationsstand steigt, sollte dieses Zusammentreffen erst recht Anlass sein, besser über das Gesundheitswesen und die GKV zu informieren. Auch wenn die Zustimmung zu den verschiedenen Ausgleichsmechanismen (zwischen Jungen und Alten, Gesunden und Kranken usw.) bereits in der Gesamtbevölkerung sehr hoch ausfällt, so steigt der Anteil entschiedener Befürworter noch einmal mit dem Kenntnisstand über GKV und PKV, über aktuell geltende Regularien und für die in Zukunft geplanten Reformvorhaben. Wie so oft in der empirischen Forschung muss auch hier offen bleiben, was Ursache und was Wirkung ist. Es könnte sein, dass eine spontane Sympathie für solidarische Regelungen in der Gesellschaft dazu führt, sich intensiver mit der Krankenversicherung zu beschäftigen. Plausibler erscheint uns jedoch, dass fundierte Kenntnisse über das Äquivalenz- und Solidarprinzip, über Unterschiede zwischen GKV und PKV dazu führen, dass man noch entschiedener die konstitutiven Merkmale der GKV befürwortet.