gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Mythen zur Gesundheitspolitik: Auch gebildete Bürger irren

Eine große Zahl von Mythen ist im Bewusstsein der GKV-Versicherten angekommen. Schaut man sich genauer an, welche Teilgruppen besonders empfänglich oder aber eher immun sind, ergibt sich ein teils unerwartetes und differenziertes Bild. Die Erwartung, dass ein aktives und aufgeklartes Verhalten im Gesundheitssystem (z. B. Inanspruchnahme von speziellen Programmen oder Nutzung der Kassenwahlfreiheit) die Übernahme von Mythen hemmt, muss teilweise revidiert werden. Dass häufige Nutzer einer Vielzahl von Informationsquellen nicht weniger, sondern eher starker anfällig sind, wirft einige Fragen auf. Dass das Bildungsniveau keine besonders große Rolle für eine „aufgeklarte“ Haltung gegenüber Mythen spielt, ist insofern nicht verwunderlich, als gesundheitspolitische und gesundheitswissenschaftliche Themen im Bildungssystem kaum behandelt werden. Dass aber darüber hinaus auch ein intensiveres Informationsverhalten über verschiedene Medien nicht aufklärerisch wirkt, sondern im Gegenteil den Mythen-Glauben verstärkt, gibt Anlass, darüber nachzudenken, wie Versicherte und Patienten über Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens informiert werden können.

Zwar gibt es bereits eine „Patienten-Universität“, an der sich Bürger intensiv über das Herz-Kreislauf-System, Erkrankungen der Atemwege und viele andere medizinische Themen informieren können (www.patienten-universitaet.de). Auch bieten Einrichtungen, wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), die Bundesärztekammer oder auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung fundierte Beiträge über Krankheiten, ihrer Prävention und Therapie im Internet an. Eine gute und systematische, nicht von Mythen durchsetzte Informationsquelle über Rahmenbedingungen und Finanzierungsmodalitäten, Akteure und Interessenbindungen im Gesundheitswesen sucht man unseres Wissens jedoch – von einzelnen Beiträgen zu bestimmten Themen in den Medien einmal abgesehen – bislang vergeblich.

Mythen sind nicht nur als Denkfiguren bei vielen Versicherten angekommen. Sie beeinflussen ihrerseits eine Reihe von wichtigen gesundheitspolitischen Einstellungen und fördern auch die Zustimmung zu zahlreichen radikalen gesundheitspolitischen Lösungsvorschlägen. Für eine rationale und soziale Gesundheitspolitik ist es daher notwendig, sich aktiv mit den am weitesten verbreiteten Mythen auseinanderzusetzen und Aufklärung zu betreiben. Dies muss allerdings inhaltlich und formal anders aussehen als es bei den derzeit am meisten genutzten Informationsangeboten geschieht.

Konkret könnte dies heißen, dass etwa der GKV-Spitzenverband in Kooperation mit den der GKV eigenen (z. B. WidO, WINEG) oder nahen Instituten ein dem kanadischen Projekt der „Mythbusters“ vergleichbares Angebot (z. B. „Vorsicht Mythos“) im Internet einrichtet und laufend erweitert. Dessen Inhalte könnten in den kasseneigenen Mitgliedszeitschriften verbreitet oder auch anderen Medien zur Verfügung gestellt werden.

Zudem sollten die gesetzlichen Krankenkassen bemüht sein, die Evidenz-Maßstäbe, die sie zunehmend an die Solidität von Vorschlägen und Handlungen von Leistungsanbietern anlegen, auf sich selber anzuwenden bzw. systematisch durch Dritte anlegen zu lassen und deren Erkenntnisse auch selbstkritisch zu verbreiten. Eine Rubrik „Wie evidenzbasiert sind Argumente und Handlungen der GKV?“ für Mitgliedszeitschriften und Publikumsmedien könnte die Evidenz mancher Position und Handlung (z. B. relativ niedrige Verwaltungskosten) unterstreichen. Und natürlich ließen sich hier auch die Verkürzungen oder Einseitigkeiten von Floskeln wie der über „steigende Morbiditätslasten im Alter“ aufarbeiten.