gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Gesundheitspolitische Beteiligungen im Licht internationaler Empirie

Werden die Interessen der Bürger durch Institutionen und Mechanismen ins Gesundheitswesen so eingebracht wie vorgesehen? Daran besteht auf allen Systemebenen Zweifel. Der Beitrag fokussiert die Beteiligung der Öffentlichkeit an strategischen Entscheidungen der Gesundheitspolitik einer Region oder eines Staates sowie an Gesundheitsleistungen.  

Bei Fragen der Gesundheitsplanung existieren in vielen Ländern die unterschiedlichsten Formen der Öffentlichkeitsbeteiligung. Welche Effekte von einer Partizipation der Bevölkerung ausgehen und wie diese rückblickend zu bewerten sind, bleibt häufig unklar. Vor diesem Hintergrund stellt der Beitrag zunächst den aktuellen Stand der Forschung dar, betrachtet im Anschluss die Bekanntheit entsprechender Institutionen und beschreibt den Beteiligungswillen der Bürger. Hieraus werden abschließend Lehren für das deutsche Gesundheitssystem zusammengefasst. Auf Grundlage der Studie von Wait und Nolte aus dem Jahr 2006 wurden für die Untersuchung nach umfangreicher Recherche 19 qualifiziert geprüfte Studien herangezogen, die durch eine gezielte Betrachtung von internationalen Beteiligungsinitiativen ergänzt wurden.

Welchen Nutzen die Beteiligung der Öffentlichkeit an Gesundheitspolitik hat, lässt sich aus vier normativen Perspektiven betrachten: der demokratischen (Beteiligung an sich ist immer gut), verbraucherorientierten (Beteiligung ist ein Recht, um Versorgung zu verbessern), entwicklungsorientierten (Beteiligung ist ein Mittel zur politischen Identitätsbildung) und der kritischen Perspektive (Beteiligung ist ein politisches Mittel, um kritische Maßnahmen zu rechtfertigen). Hieraus ergeben sich vier Formen des erwarteten Nutzens: der intrinsische, instrumentelle und entwicklungsbezogene Nutzen. Doch wie wird der Nutzen in der Realität wahrgenommen? Wie erfolgreich sind Öffentlichkeitsbeteiligungen? Wie ist der Beteiligungswillen der Bevölkerung ausgeprägt und welche Hürden einer Öffentlichkeitsbeteiligung sind zu überwinden?

Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass die letztlich positiven Nutzenerwartungen hinsichtlich der Beteiligung der Öffentlichkeit je nach normativer Grundüberzeugung variieren und dass Nachweise zur Effektivität einer Beteiligung nur bedingt möglich sind. Während hierbei Erkenntnisse zu instrumentellen Nutzeffekten nur selten dokumentiert sind, gibt es Hinweise auf eine entwicklungsbezogene Funktion der Öffentlichkeitsbeteiligung. Dies äußert sich bei Laienteilnehmern in einem besseren Verständnis und einer höheren Kompetenz im gesundheitspolitischen Entscheidungsprozess. Dass die Beteiligung der Öffentlichkeit jedoch auch zu nicht wünschenswerten Ergebnissen kommen kann, zählt ebenso zu den Ergebnissen des Beitrags. Eine sorgfältige Definition der strategischen Ziele einer Beteiligungsmaßnahme hat sich hierbei ebenso wie die Bereitschaft von Politikern, eine Beteiligung der Öffentlichkeit zu zulassen, als Erfolgsfaktor herausgestellt.  

Generell verfolgt der Großteil der Beteiligungsinitiativen den Top-Down-Ansatz. Speziell für Deutschland kommt hinzu, dass die Interessen der Bevölkerung häufig durch Vertreterorganisationen wahrgenommen werden. Eine stärkere Beteiligung wäre allerdings auch im Sinne der Bürger. Das Patientenrechtegesetz könnte hierfür genutzt werden, um konkrete Vorschläge für eine Erweiterung von Partizipation und Transparenz zu erarbeiten und diese in das Gesetz zu verankern. Außerdem besteht hierdurch die Möglichkeit, die Öffentlichkeit am Prozess der Gesundheitspolitik teilhaben zu lassen. Die Tatsache, dass die meisten empirischen Erfolgsmeldungen zum Thema Öffentlichkeitsbeteiligung sich von deren entwicklungsbezogenen Funktion ableiten lassen, unterstreicht dieses Votum.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 1. - Bekanntheit verschiedener gesundheitspolitischer Beteiligungsinitiativen

    Von welcher Einrichtung haben Sie bereits gehört?

    n = 1.789
    Angaben in Prozent der Befragten