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Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Krank bei der Arbeit: Präsentismusphänomene

Wer krank zur Arbeit erscheint, schadet nicht nur sich selbst und möglicherweise anderen. Präsentismus versursacht jährlich höhere Kosten als krankheitsbedingte Fehlzeiten (Absentismus). Welche Motive stehen hinter dem Präsentismusphänomen und wie können die Ursachen vermieden werden?   

Geht ein Arbeitnehmer trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen zur Arbeit, wird dies in Fachkreisen als Präsentismus bezeichnet. Was als besonders hohe Arbeitsbereitschaft missverstanden werden kann, ist sowohl für den Betroffenen als auch für den Arbeitgeber wenig sinnvoll. Denn Arbeitnehmer, die krank zur Arbeit erscheinen, verursachen mehr Produktivitätsverluste etwa durch Chronifizierung ihrer Beschwerden oder spätere längerfristige Erkrankungen, als jene Kollegen, die sich krankmelden und der Arbeit fernbleiben.

 Die  Studie "Krank bei der Arbeit: Präsentismusphänomene" untersucht die Ursachen,  Hintergründe und Auswirkungen von Präsentismusverhalten unter Arbeitnehmern. Hierfür wurden insgesamt 3000 Befragte im Frühjahr 2007 und Herbst 2008 nach ihren Motiven für Präsentismus befragt.

 Die Analyse der Befragungsergebnisse zeigt: Auch in Deutschland spielt der Präsentismus und seine Folgen eine große Rolle. 46 Prozent der Befragten des Jahres 2007 und 42 Prozent der Befragten aus dem Jahr 2008 gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten zweimal oder öfter krank bei der Arbeit erschienen zu sein. Davon ignorierten 14 bis 11 Prozent sogar den ausdrücklichen Rat ihres Arztes zur Bettruhe. Etwa 25 Prozent warteten mit der Genesung bis zum Wochenende und wiederum steigend zeigte sich die Zahl derer, die extra Urlaub nahmen, um sich einmal richtig auszukurieren. Dabei sind Arbeitnehmer deutlich gefährdeter für Präsentismus als Selbstständige. Der Anteil der Selbstständigen, die angaben, krank zu arbeiten, war gegenüber Arbeitnehmern deutlich geringer.

 Pflichtgefühl und die Rücksichtnahme gegenüber den Kollegen sind die am häufigsten gennannten Gründe für Präsentismus. An zweiter Stelle steht die Angst vor beruflichen Nachteilen. Zwar war sich ein großer Teil der Befragten sicher, auch im Krankheitsfall mit der Unterstützung von Kollegen und dem Verständnis der Vorgesetzten rechnen zu können. Immerhin 20 Prozent berichteten jedoch von schlechten Erfahrungen und beruflichen Nachteilen im Zusammenhang mit Fehlzeiten bei der Arbeit. 13 Prozent hatten bei sich oder im beruflichen Umfeld Abmahnungen und Kündigungen erlebt. Folglich quälte sich etwa ein Viertel der Befragten aus Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle krank zur Arbeit. Dass dies zu einer Wechselwirkung zwischen krankmachenden Arbeitsbedingungen und Präsentismus führt, konnte in der Studie eindeutig nachgewiesen werden: Hohe Fremdbestimmung und emotionale Belastung bei der Arbeit, schlechtes Betriebsklima und wenig Arbeitsfreude erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Präsentismus um ein vielfaches. Mitarbeiter, die über wenig Arbeitsfreude berichteten, zeigten etwa ein dreifach erhöhtes Präsentismusverhalten.

 Zur Prävention von Präsentismus ist ein gutes Betriebsklima ausschlaggebend. Führungskräfte, die das Betriebsklima und die Arbeitsgestaltung günstig beeinflussen, tragen nachhaltig zur Reduktion von Präsentismus (wie auch Absentismus) bei. Gezielte Maßnahmen zur Führungskräfteschulung, Teamentwicklung und  Mitarbeiterorientierung sind nicht nur für die Gesundheit der Mitarbeiter förderlich, sondern können zudem beträchtliche Verbesserungen in der Produktivität erreichen.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 1. - Verschiedene Aspekte von Präsentismus

    Verschiedene Aspekte von Präsentismus

    Alle Angaben = Anteil in Prozent an den Erwerbstätigen, die »mindestens zweimal in den letzten zwölf Monaten« angegeben haben
  • Abb. 2. - Geringeres Präsentismusverhalten unter Selbstständigen

    "Wie oft sind Sie in den letzten zwölf Monaten zur Arbeit gegangen, obwohl Sie sich richtig krank gefühlt haben?" - Abhängig Beschäftigte und Selbstständige

    Alle Angaben = Anteil an Erwerbstätigen
  • Abb. 4. - Arbeitsplatzzufriedenheit und Präsentismus

    "Wie oft sind Sie in den letzten zwölf Monaten zur Arbeit gegangen, obwohl Sie sich richtig krank gefühlt haben?" - Fehlendes Interesse/geringe Freude an den eigenen Tätigkeiten

    Alle Angaben = Anteil an den Erwerbstätigen