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Partizipative Entscheidungsfindung beim Arzt: Anspruch und Wirklichkeit

Viele Patienten möchten mitentscheiden, wenn es um ihre medizinische Behandlung geht. Dennoch ist die partizipative Entscheidungsfindung in der Arztpraxis noch immer selten. Welche subjektiven und objektiven Barrieren verhindern auf Patienten- wie auf Arztseite die gemeinsame Entscheidung in der Arzt-Patienten-Kommunikation?

Auch wenn die Bereitschaft zur gemeinsamen Entscheidungsfindung bei den Patienten seit Jahren hoch ist, sieht der Alltag in deutschen Praxen anders aus. Voraussetzung für die partizipative Entscheidungsfindung beziehungsweise das Shared Decision Making ist die partnerschaftliche Beziehung zwischen Arzt und Patient und eine intensive Arzt-Patienten-Kommunikation. Diese scheint im stressigen Praxisalltag häufig unterzugehen und auch die Patienten fordern nur selten eine Beteiligung an Entscheidungssituationen ein.  

Der Beitrag "Partizipative Entscheidungsfindung beim Arzt: Anspruch und Wirklichkeit" basiert auf Erhebungen des Gesundheitsmonitors aus den Jahren 2001 bis 2012. Anhand von repräsentativen Stichproben wurde analysiert, inwiefern sich die Patienten eine aktive Beteiligung an der Behandlungsentscheidung im Sinne des Shared Decision Making wünschen.

Die Analyse der Umfragewerte zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragungsteilnehmer wünscht sich eine gemeinsame Entscheidungsfindung mit dem Arzt. Knapp ein Viertel bevorzugt das traditionelle paternalistische Modell, bei dem der Arzt alleine entscheidet und 18 Prozent wählen die autonome Entscheidung. Insgesamt haben sich diese Werte im Befragungszeitraum kaum verändert, was besonders bei der konstanten Anzahl der Befürworter des paternalistischen Modells überrascht: Immer noch überlässt jeder Vierte die Behandlungsentscheidung lieber dem Arzt und lehnt eine Eigenbeteiligung am Krankheitsgeschehen ab. Darunter überwiegend Ältere, Befragte mit niedriger Schulbildung und Patienten, die zuletzt sehr häufig beim Arzt waren. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung ist entsprechend bei Jüngeren und Befragten mit höherem Bildungsniveau gewünscht. Hier sind es besonders Frauen und chronisch Kranke, die die Regie ihrer Behandlung seltener aus der Hand geben möchten und selbstbewusster ihre Wünsche äußern. Nicht so eindeutig ist das Ergebnis für die autonome Patientenentscheidung. Hier scheinen neben Alter und Geschlecht auch Persönlichkeitsmerkmale ausschlaggebend zu sein.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat bislang noch keine Erfahrung mit einer partnerschaftlichen Entscheidungsfindung gemacht. Hinzu kommt, dass viele Patienten die Entscheidungssituation im Kontext einer Krankheit gar nicht bewusst ist. Fast zwei Drittel der Befragungsteilnehmer sind der Ansicht, dass es eher selten Behandlungsalternativen für eine Erkrankung gebe. Offenbar ist die Annahme, es gebe bei Erkrankungen überwiegend einen Königsweg der Therapie, unter Patienten weit verbreitet. Besonders kritisch ist, dass auch Patienten mit chronischer Erkrankung zu 50 Prozent berichten, noch nie eine Situation des Shared Decision Making erlebt zu haben. Dabei sind die Einflussmöglichkeiten des Patienten in der ärztlichen Praxis nicht zu unterschätzen: Äußern Patienten den Wunsch nach Entscheidunsgbeteiligung, zeigt dies in vielen Fällen durchaus Erfolg. Hier sollten Patienten stärker über ihre Einflussmöglichkeiten im Versorgungssystem sensibilisiert werden.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 6. - Patientenerfahrung mit Situationen des Shared Decision Making

    Erfahrungen mit Shared Decision Making in den letzten drei Jahren, 2012

    Angaben in Prozent der Befragten
  • Abb. 3. - Häufigkeit von Shared-Decision-Making bei Haus- und Facharzt

    Erfahrungen mit Shared Decision Making beim Haus- und Facharzt (nur Befragte, die die Situation schon einmal oder öfter erlebt haben), 2012

    n = 1.076 bis 1.149
    Angaben in Prozent der Befragten
  • Abb. 1. - Wie viel Entscheidungsbeteiligung wünschen sich die Patienten?

    Patientenwünsche zu Shared Decision Making 2001 bis 2012

    n = 1.329 bis 1.600 (Herbsterhebungen des Gesundheitsmonitors)
    Angaben in Prozent der Befragten

Downloads zur Studie

Partizipative Entscheidungsfindung beim Arzt: Anspruch und Wirklichkeit

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