gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Kieferorthopädische Behandlung aus der Perspektive junger Patienten und ihrer Eltern

Deutschlands Kinder und Jugendliche sind Weltmeister im Zahnspange tragen. Medizinisch ist das oft jedoch gar nicht notwendig.

Zahnspangen ohne Not

Eine aktuelle Studie des Gesundheitsmonitors zeigt: In Deutschland werden jedes Jahr etwa 400.000 neue Zahnspangen eingesetzt. Obwohl Zahnstellungen als gesundheitlich „ungefährlich“ gelten, entscheiden sich viele Jugendliche bzw. ihre Eltern aus Angst vor gesundheitlichen Problemen für eine Zahnspange. Viele Zahnärzte und Kieferorthopäden scheinen die Angst ihrer Patienten auszunutzen: Vier aus fünf Zahnspangen werden auf ihre Initiative hin eingesetzt. Der finanzielle Anreiz für die Mediziner ist dabei groß, auch weil die Kosten der Behandlung bis zum 18. Lebensjahr der Patienten von der GKV übernommen werden. Für 85 Prozent der Eltern bleiben dadurch im Schnitt 1.200 Euro, die sie für private Zusatzleistungen mit sehr zweifelhaftem medizinischem Nutzen ausgeben.

Zahnspangen-Behandlungen in Deutschland dauern oft viel zu lange
Trotzdem sind 95 Prozent der Patienten-Eltern mit der Beratung durch ihren Arzt „völlig“ oder „eher zufrieden“. Auch das Gesamtergebnis der Behandlung ist für 96 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Ordnung. Im Detail wird aber Kritik deutlich: Zum Beispiel sind nur 19 bzw. 10 Prozent mit der Dauer ihrer Behandlung insgesamt bzw. mit der Wartezeit bis zum Behandlungserfolg zufrieden. Das ist nicht überraschend, denn die Behandlungszeit mit einer Zahnspange dauert in Deutschland 3-6 Jahre – bis zu dreimal so lange als in anderen Ländern (1-2 Jahre). Ein Grund dafür ist, dass 65 Prozent der Jugendlichen als Kind vor ihrer festen eine lose Zahnspange getragen haben. Dieses „Zwei-Phasen“-Modell erhöht Behandlungszeit und –kosten, obwohl sein Zusatznutzen wissenschaftlich weitgehend widerlegt ist.

Studienverfasser wünschen sich mehr ehrliche Informationspolitik
Laut den Autoren unterstreichen die Ergebnisse ihrer Studie, dass dringender Diskussionsbedarf besteht: Was sind triftige Gründe für eine kieferorthopädische Behandlung und lässt sich definieren, wann die Kosten dafür von den Krankenkassen übernommen werden sollten? Dafür sollte der Einfluss oder Nichteinfluss von Kiefer- und Gebissfehlstellungen auf die körperliche Gesundheit weiter erforscht und Patienten besser über die Notwendigkeit kieferorthopädischer Behandlungen informiert werden. Die Autoren empfehlen den Krankenkassen außerdem, stärker darauf zu achten, dass Zahnärzte und Kieferorthopäden ihre Patienten ausführlich über Kosten sowie Vor- und Nachteile aufklären, wenn sie private Zusatzleistungen anbieten wollen.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abbildung 4

    Häufigkeit, mit der die Behandlungswirklichkeit den Erwartungen der Jugendlichen an die Behandlung entsprach

    Angaben in Prozent der Befragten; n = 703 bis 737
  • Abbildung 7

    Häufigkeit unerwünschter Ereignisse bei den Jugendlichen

    Angaben in Prozent der Befragten, Mehrfachangaben möglich
  • Abbildung 9

    Höhe der privaten Zuzahlung für zusätzliche Leistungen über die gesamte Behandlungsdauer

    Angaben in Prozent der Befragten; n = 662