gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Eine Patiententypologie: Befunde zur Differenzierung unterschiedlicher Normen und Verhaltensmuster von Patienten im Gesundheitssystem

Die Erwartungen von Patienten an Ärzte und medizinische Versorgung wandeln sich im Laufe der Zeit und damit auch das Patientenverhalten im Versorgungssystem. Patiententypologien können zum Verständnis von Normen und Verhaltensmustern von Patienten im Gesundheitssystem beitragen.

Eine der großen Herausforderungen an die gesundheitspolitische Forschung und die Gesundheitspolitik ist es, genaueres über den Bedarf, die Bedürfnisse und Erwartungen von Bevölkerungsgruppen im Gesundheitssystem zu ermitteln. Eine Typologie kann hier nicht nur für einzelne Aspekte - wie Alter oder Bildung, Geschlecht und Gesundheit - Zusammenhänge aufdecken, sondern greift als Erklärungsraster für eine Vielzahl von Patientenmerkmalen.

Der Beitrag "Eine Patiententypologie: Befunde zur Differenzierung unterschiedlicher Normen und Verhaltensmuster von Patienten im Gesundheitssystem" entwickelt eine Typologie, die grundlegende soziale und biologische Voraussetzungen des Patientenverhaltens aufgrund von Gesundheitszustand, Bildung und Gender durch normative Richtpfeiler der Individuen ergänzt. Das Ergebnis ist die Entwicklung verschiedener Patiententypen, die sich hinsichtlich ihrer Erwartungen und ihrer Verhaltensmerkmale unterscheiden.

Anhand der Befragungsergebnisse entwickelt der Beitrag vier Gruppen der Patiententypologie: Die "Gleichgültigen", die "Arztgläubigen", die "Arztkritischen" und die "Cotherapeuten". Die "Gleichgültigen" gehen seltener zum Arzt und haben eher niedrige Erwartungen an die Medizin. Sie haben nur geringes Interesse an Prävention und frühzeitiger Krankheitserkennung und stehen der Schulmedizin wie der alternativen Heilmedizin indifferent gegenüber. "Arztgläubige" hingegen haben ein großes Vertrauen in die Schulmedizin. Alternative Heilmethoden betrachten sie eher skeptisch. Das Bemühen um gesundheitsbezogene Informationen ist in dieser Gruppe extrem schwach ausgeprägt und auch die Selbstmedikation ist dem "Arztgläubigen" eher fremd. Ihr besonders hohes Vertrauen in medizinische Leistungen geht mit einer starken Präventions- und Vorsorge-Orientierung einher. Die Gruppe der "Arztkritischen" hingegen zeichnet sich durch das höchste Maß an Distanz und Kritik gegenüber Ärzten aus. Sie zeigen eine sehr starke Tendenz zur Selbstmedikation und ein ausgeprägtes Bemühen um Gesundheitsinformationen zur Vermeidung von Arztbesuchen. Die Affinität gegenüber alternativen Heilmethoden ist in dieser Gruppe am stärksten ausgeprägt.

Das Informationsbedürfnis und -verhalten fällt im Vergleich zu allen anderen Typen bei den "Cotherapeuten" am stärksten aus. Hier wird das Bemühen um Gesundheitswissen jedoch von einem grundsätzlichen Vertrauen in die Medizin getragen. Der "Cotherapeut" stellt hohe Erwartungen an seinen Arzt und das Arztgespräch, bemüht sich aber zugleich eigenständig um Informationen zur Selbstmedikation und Vermeidung eines Arztbesuches.

Auch das gesundheitliche Vorsorgeverhalten ist sehr stark ausgeprägt. Auch wenn die Patiententypologie nicht den Effekt grundlegender biologischer oder biographischer Voraussetzungen für die persönliche Orientierung und Bewegung im Gesundheitssystem ersetzt, kann sie dennoch einer besseren Differenzierung zwischen einzelnen Patientenmerkmalen dienen.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 1: Patienten mit stark arztbezogener Vorsorge-Orientierung - nach Alter, chronischer Erkrankung und Patiententyp

    Patienten mit hoher Vorsorge-Orientierung, nach Alter, chronischer Erkrankung und Typus

    Alle Angaben in Prozent
    *18 bis 39 Jahre: n=138; 40 bis 59 Jahre: n=249; 60 bis 79 Jahre: n=291
    **18 bis 39 Jahre: n=137; 40 bis 59 Jahre: n=247; 60 bis 79 Jahre: n=289
    Lesebeispiel: In der Altersgruppe bis 39 Jahre haben 22 Prozent der Gleichgültigen, 27 Prozent der Arztkritischen, 29 Prozent der nicht chronisch Erkrankten, 34 Prozent der Arztgläubigen, 37 Prozent der chronisch Erkrankten und 47 Prozent der Cotherapeuten eine hohe Vorsorgeorientierung.
  • Abb. 2: Patienten mit kritischer Haltung gegenüber ärztlicher Kompetenz - nach Alter , chronischer Erkrankung und Patiententyp

    Patienten mit sehr kritischer Haltung gegenüber ärztlicher Kompetenz, nach Alter, chronischer Erkrankung und Typus

    Alle Angaben in Prozent
    *18 bis 39 Jahre: n=145; 40 bis 59 Jahre: n=146; 60 bis 79 Jahre: n=122
    **18 bis 39 Jahre: n=145; 40 bis 59 Jahre: n=146; 60 bis 79 Jahre: n=119
    Lesebeispiel: In der Altersgruppe bis 39 Jahre haben 21 Prozent der Gleichgültigen, 24 Prozent der Arztgläubigen, 31 Prozent der nicht chronisch Erkrankten, 39 Prozent der chronisch Erkrankten, 41 Prozent der Cotherapeuten und 44 Prozent der Arztkritischen eine sehr kritische Haltung.
  • Abb. 3: Patienten mit häufiger Informationssuche zur Selbstmedikation/ Vermeidung von Arztbesuchen - nach Geschlecht, Sozialschicht und Patiententyp

    Patienten mit vielen Erfahrungen mit alternativer Medizin, nach Geschlecht, Sozialschicht und Typus

    Alle Angaben in Prozent
    *Männer: n=159; Frauen: n=298
    **Männer: n=155; Frauen: n=278
    Lesebeispiel: Bei den Männern haben 12 Prozent der Arztgläubigen, 18 Prozent der Mittelschichtangehörigen, 20 Prozent der Gleichgültigen, 20 Prozent der Unterschichtangehörigen, 27 Prozent der Cotherapeuten, 32 Prozent der Oberschicht und 33 Prozent der Arztkritischen viele Erfahrungen mit Alternativer Medizin.