gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Ärztliche Therapiefreiheit und Fortbildungspflicht – ein Widerspruch? Perspektiven und Einschätzungen aus der Ärzteschaft

Ärzte haben bisher einen großen Entscheidungsspielraum genossen, der nun durch die Anforderungen der Patienten und der Kostenträger eingeschränkt wird. Der Artikel untersucht Einstellungen und Verhalten der Ärzte im Bereich evidenzbasierte und leitliniengestützte Medizin.

Ärzte haben eine differenzierte Wahrnehmung der EBM. Ältere sind sogar offener gegenüber dieser Medizin, haben aber auch ein anderes Verständnis und daher einen ent­spannteren Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen. 55 Prozent der befragten Ärzte arbeiten bereits nach Leitlinien. Ostdeutsche Ärzte orientieren sich häufiger an Leilinien. Westdeutsche Ärzte bemängeln häufiger fehlenden Praxisbezug oder die mangelnde Berücksichtigung alternativer Therapien. Eine Mehrheit betrachtet Fortbildung zwar als Selbstverständlichkeit, sieht im nun verpflichtenden Charakter einen Versuch der Kontrolle eines an sich freien Berufs. Sie sind insbesondere nicht von Nutzen für die Versorgung der Patienten überzeugt. Sie glauben auch nicht, dass die Teilnahme an Fortbildung das Vertrauen der Patienten erhöht. Ältere Ärzte und Ärzte aus gemeinschaftlichen Praxisformen bewerten verpflichtende Fortbildung positiver. Klassische Lernmedien wie Zeitschriften und Bücher stehen immer noch an erster Stelle. Jüngere Ärzte geben mehr Geld für Fortbildung aus als Ältere. Jüngere Ärzte und Ärzte aus gemeinschaftlichen Praxisformen stehen dem informierten Patienten positiver gegenüber. Die Ärzte befürworten durchweg schriftliche Patienten­informationen, um den Patienten zur gemeinsamen Entscheidungsfindung zu befähigen.

Die evidenz-basierte Medizin ist in der Selbsteinschätzung der Ärzte angekommen. Dennoch zeigt sich eine gewisse Polarität zwischen Individualisten mit Freiheitsanspruch und eher kooperativen Ärzten, die sich als Partner des informierten Patienten sehen. Die jüngere Ärztegeneration ist durch größere Offenheit hinsichtlich der "Eingriffe" in ihre freie Berufsausübung gekennzeichnet. Vor allem der Nutzen von Fortbildung muss evaluiert werden, um Sinnvolles von Sinnlosem zu trennen und die Ärzteschaft im Ganzen von kontinuierlicher Fortbildung zu überzeugen. Offen bleibt, inwiefern Fortbildung überhaupt zu Qualitätsverbesserung in der Patientenversorgung führt und ob nicht andere Maßnahmen sinnvoller wären.