gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Zur Akzeptanz von Leistungsbegrenzungen im Gesundheitswesen: Strategien, Kriterien und Finanzierungsmodelle unter Berücksichtigung ethischer Aspekte

Seit Jahren werden Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung als Sparmaßnahmen für das Gesundheitssystem diskutiert. Doch welche Leistungsbegrenzungen im Gesundheitswesen sind sinnvoll und ethisch vertretbar? Der Beitrag untersucht die Einstellung der Bevölkerung zu Einsparmöglichkeiten in der gesetzlichen Krankenkasse

Die gesetzlichen Krankenkassen sehen sich seit Jahren mit finanziellen Engpässen konfrontiert. Die Notwendigkeit eines grundlegenden Reformbedarfs der gesetzlichen Krankenversicherung ist daher unumstritten. Die Entscheidungen, wie und wo Geld gespart werden kann, sollten jedoch nicht ohne Rücksichtnahme auf Versicherteninteressen getroffen werden.

 Der Beitrag "Zur Akzeptanz von Leistungsbegrenzungen im Gesundheitswesen: Strategien, Kriterien und Finanzierungsmodelle unter Berücksichtigung ethischer Aspekte" untersucht die bis dahin weitgehend unbekannte Einstellung der Bevölkerung zu Rationierungen im Gesundheitswesen. Diskutiert wird, inwiefern die Bevölkerung eine Rationierung akzeptiert und eine Umsetzung im Rahmen eines zweistufigen Systems von Grundsicherung und privater Zusatzversicherung befürwortet.

 Die Auswertung der Befragungsdaten zeigt: Die Mehrheit der Bevölkerung möchte die Ausgaben für medizinische Leistungen trotz steigender Kosten nicht begrenzen. Etwa 79 Prozent sind stattdessen dafür, die steigenden Kosten im Gesundheitssystem durch staatliche Zuschüsse aus Einsparungen in anderen Bereichen zu finanzieren. 13 Prozent setzen auf Steuererhöhungen und etwa 9 Prozent würden auch höhere Kassenbeiträge akzeptieren. Lediglich neun Prozent sprachen sich für eine Begrenzung medizinischer Versorgung aus, infolgedessen bestimmte Leistungen privat bezahlt oder durch private Zusatzversicherungen abgedeckt werden müssten. Dies sind allerdings meist jene Personen, die von den Begrenzungen in der gesetzlichen Krankenkasse nicht betroffen sind (PKV-Mitglieder) oder Versicherte, die sich die selbstfinanzierten Leistungen problemlos leisten könnten.  

 Im Falle einer dennoch notwendigen Rationierung, entscheiden sich 69 Prozent dafür, dass wohlhabende Patienten weniger Leistungen erhalten sollten. 66 Prozent fordern dies für Patienten mit gesundheitsschädigender Lebensweise. Auch Patienten die keine Früherkennungsuntersuchungen besuchen, sollten im Krankheitsfall weniger Leistungen erhalten (46 Prozent). Nahezu einhellig wird jedoch eine Begrenzung notwendiger medizinischer Leistungen aufgrund des Alters und einer chronischen oder unheilbaren Krankheit abgelehnt. Die ebenfalls zur Diskussion stehende Zweistufung der Krankenversicherung, hier wird eine kostengünstige medizinische Grundsicherung mit einer freiwilligen Zusatzversicherung für eher seltene Krankheiten kombiniert, ist von Mehrheit der Befragten ebenfalls nicht gewünscht. Würde dennoch ein Stufenmodell eingeführt, sollten auch hier "Risikopatienten" keine höheren Beiträge abverlangt werden.

 Die Befragten fordern zu großer Mehrheit (82 Prozent) eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung an Entscheidungen über Einsparungen im Gesundheitssystem. Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen sollten im Sinne der Versicherten größeren Einfluss haben als Politiker und Kirchenvertreter. Eine Mehrheit der Bevölkerung möchte aber, dass die Entscheidungen über die Rationierung medizinischer Leistungen in der Hand von Ärzten verbleiben.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 2. - Weniger Leistungen im Falle einer Rationierung

    "Wenn es keine andere Möglichkeit der Kosteneingrenzung im Gesundheitswesen als die einer Rationierung gäbe, welche Gruppen sollten im Bedarfsfall weniger Leistungen erhalten

    n = 1.441
    Alle Angaben in Prozent der Befragten
  • Abb. 3. - Wer entscheidet über Rationierungen?

    Wie groß sollte der Einfluss folgender Gruppen sein, wenn darüber entschieden würde, bei welchen Patienten und welchen Therapien eine Rationierung durchgeführt wird?"

    n = 1.410
    Mittelwert der Skala: 1 = sehr gering, 2 = mittel, 3 = sehr groß
    Alle Angaben = Mittelwert
  • Abb. 4. - Priorisierung von Leistungen aus Sicht der Bevölkerung

    Verzichtbarkeit (geringe Priorität) von medizinischen Leistungen

    n = 1.437
    Mittelwert auf einer Skala: von 1 = geringste Verzichtbarkeit (= höchste Priorität) bis
    10 = höchste Verzichtbarkeit (= geringste Priorität)
    Alle Angaben = Mittelwert