gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Vertrauen ins Gesundheitssystem: bei Kassenpatienten Fehlanzeige

Im Zeitraum von 2001 bis 2009 zeigt sich ein sehr hohes Niveau an Befürchtungen und Pessimismus, was zukünftige Entwicklungen im Gesundheitssystem betrifft. Allerdings zeigt das Niveau mangelnden Vertrauens nur sehr geringfügige Änderungen und bleibt weitgehend unempfindlich gegenüber Gesundheitsreformen in diesem Zeitraum – so, als hätten sie gar nicht stattgefunden. Im Vergleich dazu fällt die Rezeption gesellschaftlicher Veränderungen wie wirtschaftliche Lage oder Friedensbedrohungen wesentlich deutlicher aus.

Mangelndes Vertrauen in die zukünftige Entwicklung des Gesundheitssystems bedeutet nicht, dass ein völliger System-Kollaps befürchtet würde. Vor allem zwei Aspekte sind es, die nicht mehr nur zukünftig sondern bereits in der gegenwärtigen Versorgungsrealität als problematisch wahrgenommen werden: Die Dauer des Arzt-Patient-Gesprächs und die Wartezeiten auf Praxistermine.

Einige Bevölkerungsgruppen zeichnen sich durch ein vergleichsweise hohes Maß an Vertrauen aus. Dies sind insbesondere Versicherte in der PKV, ältere Versicherte und solche, die ihren Gesundheitszustand als eher gut einstufen. Hier zeigen sich bereits nachdrücklich Effekte der zuletzt gehäuft auftauchenden Schlagzeile über eine drohende oder teilweise auch schon real zu beobachtende „Zwei-Klassen-Medizin“.

Einrichtungen und Verbände, die im Gesundheitswesen oder an dessen Rändern Kontroll-, Informations- und Beratungsaufgaben wahrnehmen, wird ein sehr unterschiedliches Maß an Vertrauen entgegengebracht. Überraschend rangieren hier Verbraucherschutz-Einrichtungen ganz vorne in der Gunst der Versicherten. Wenn es um „Vertrauensbeweise“ geht, ist es offensichtlich die Unabhängigkeit von kommerziellen oder berufsständischen Interessen, der besonders große Bedeutung zuerkannt wird.

Für die Gesundheitspolitik folgt aus diesen Ergebnissen zweierlei: Erstens sollte über das Zustandekommen, den Inhalt und die Wirkungen von Vertrauen auch in Deutschland mehr und facettenreicher geforscht werden. Zwei britische Wissenschaftler, Calnan und Rowe, hatten 2005 festgestellt, dass von allen Vertrauens- Studien auf der ganzen Welt 52 Prozent in den USA und zehn Prozent in Kanada durchgeführt wurden. Theoretisch wie praktisch unbefriedigend war ferner, dass sich 82 Prozent der damals beendeten Studien auf das Vertrauen in der Patient-Arztbeziehung konzentrierten und in diesen Studien in knapp 80 Prozent der Fälle allein das Vertrauen des Patienten eine Rolle spielte.

Zweitens wird der Appell an allgemeine „vertrauensbildende Maßnahmen“ nicht ausreichen, um an dem unverändert hohen Niveau fehlenden oder eingeschränkten Vertrauens wirklich nachhaltig etwas zu ändern. Einzelne informationelle oder technisch-organisatorische Interventionen dürften nicht viel bewirken. Wie bei vielen anderen Handlungsblockaden im Gesundheitswesen dürfte nur eine Kombination von materiellen und immateriellen Maßnahmen Erfolg versprechen. Eine Kombination von handfesten Normen und Instrumenten zur Patientensicherheit in Behandlungsprozessen (z. B. öffentlich zugängliche Fehlerregister mit Angaben zu den daraus folgenden Sicherheitsbemühungen), der Befreiung der Arzt-Patient-Beziehungen vom Lamento über die angeblich oder tatsächlich zu geringe Vergütung der Leistungen oder die nicht finanzierbaren „wirklich guten Leistungen“ durch eine entsprechende Reform des Leistungskatalogs und der Honorierungsform, die Kodifizierung von möglichst konkreten Patientenrechten oder die konsequente Betrachtung und Beachtung von Behandlung aus der Perspektive des Behandlungsergebnisses und die Entwicklung entsprechender Indikatoren wären dafür geeignete Reformansätze. Sicherlich könnten letztlich auch weniger aufwändige Veränderungen der Praxisorganisation oder der Aufklärung der Patienten über die Umstände ihrer Behandlung dazu beitragen, dass bei einer nahezu gleich großen Anzahl von Arzt-Patient-Kontakten viele Patienten seltener und kürzer auf eine Behandlung warten müssten, sich nicht mehr ungerecht und nachrangig behandelt fühlten und Vertrauen in „die“ Ärzteschaft oder „das“ Gesundheitssystem gewinnen oder wenigstens nicht verlieren würden.