gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Sozioökonomische Strukturen und Morbidität in den gesetzlichen Krankenkassen

Vor dem Hintergrund des 2009 eingeführten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs untersucht die Studie, inwiefern sich die Versicherten unterschiedlicher Krankenkassen auch durch andere gesundheitsrelevante Faktoren wie Einkommen, Bildung, Schichtzugehörigkeit und damit auch in ihrer Morbidität und Inanspruchnahme von Versorgung unterscheiden.

Bis zur Einführung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich 2009 wurde bei der Morbiditätsorientierung lediglich über Alter, Geschlecht und Bezug beziehungsweise Nichtbezug einer Erwerbsminderungsrente berücksichtigt. Durch den morbiditätsorientierten RSA soll fortan die Morbidität unmittelbar auf Grundlage von Diagnosen, Indikationen, Leistungen oder Kombinationen dieser Merkmale berücksichtigt werden. Kritiker befürchten jedoch, dass der morbiditätsorientierte RSA mit seiner Orientierung an Diagnosen die hinter den Morbiditätsstrukturen versteckten sozioökonomischen Unterschiede und die damit verknüpften unterschiedlichen Bewältigungsressourcen womöglich nicht ausgleichen. Hinweis darauf, gibt auch der Beitrag "Sozioökonomische Strukturen und Morbidität in den gesetzlichen Krankenkassen".

Der Vergleich zeigt, dass sich die Krankenkassen in der sozialen Struktur ihrer Versicherten deutlich unterscheiden. So gibt es Kassen, in denen deutlich häufiger Frauen versichert sind. Hierzu gehören die DAK und die Barmer Ersatzkasse mit jeweils 63 % und die Kaufmännische Krankenkasse mit 60 % Frauenanteil. Da Frauen im Durchschnitt länger leben und Schwangerschaften und Geburten als "natürliches Risiko" mitbringen, sind in diesen Kassen andere Morbiditätsstrukturen zu erwarten. Bei der Betrachtung des Alters haben die Innungskrankenkassen mit einem Durchschnitt von 42 Jahren die jüngste Klientel. Eher ältere Versicherte finden sich insbesondere bei der DAK und der Barmer Ersatzkasse mit durchschnittlich etwa 50 Jahren. Auch bei den Bildungsressourcen, der sozialen Schichtung und dementsprechend auch bei den Einkommen der Mitglieder sind Unterschiede erkennbar. Während bei der AOK 48 % der Versicherten einen Haupt- oder Volksschulabschluss haben, sind es bei der TK nur 19 %. Mit 51 Prozent weist die AOK auch den höchsten Anteil an Angehörigen aus der Unterschicht auf. Differenzen zeigen sich auch bezüglich der Morbidität der Versichertenklientel. Auffällig ist, dass die AOKen bei fast allen erhobenen chronischen Erkrankungen Spitzenreiter sind. Die DAK und die BEK haben ebenfalls einen deutlich höheren Anteil chronisch Kranker als etwa die Techniker Krankenkasse, die Betriebskrankenkassen sowie die Innungskassen. Mit der Morbidität hängt naturgemäß die Häufigkeit der Inanspruchnahme von ambulanten ärztlichen Leistungen zusammen. Die Beobachtung, dass Versicherte der Techniker Krankenkasse oder einer anderen Ersatzkasse im Durchschnitt einmal weniger zum Arzt gehen als Versicherte der Ortskrankenkassen überrascht daher nur wenig.

Die Studie zeigt, dass einige Krankenkassen aufgrund fehlender sozioökonomischer Ressourcen ihrer Versicherten eine schwerer zugängliche und damit aufwendigere Klientel haben. Die Autorin weist auf die Gefahr hin, dass sich die beobachtete sozioökonomische und gesundheitliche Schieflage zwischen den Krankenkassen durch den morbiditätsorientierten RSA zukünftig sogar weiter verschärfen könnte. Eine Nichtberücksichtigung der sozioökonomischen Faktoren im RSA durch eine strenge Orientierung an Diagnosen würde bedeuten, dass ein ressourcestarker Patient genauso bewertet würde wie ein anspruchsvoller und damit kostenträchtiger Patient, dem die optimalem Ressourcen zur Bewältigung seiner Krankheit fehlen. Anzunehmen sei zudem, dass Versicherte mit guten sozioökonomischen Ressourcen eher zu einer Krankenkasse mit dem für sie besten Versorgungsangebot wechseln werden, während einkommensschwache und bildungsferne Versicherte womöglich in ihrer Kasse verbleiben und so nicht die für sie beste Versorgung erhalten.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 3: Soziale Schichtung der Versicherten nach Krankenkassen (-arten)

    Soziale Schichtung der Versicherten nach Krankenkassen(-arten)

    n = 21.212; p <= 0,000
  • Abb. 4: Anteil der Gesunden, der chronisch Kranken und der DMP-Teilnehmer an den Versicherten nach Krankenkassen (-arten)

    Anteil der Gesunden, der chronisch Kranken und der DMP-Teilnehmer an den Versicherten nach Krankenkassen(-arten)

    Alle Angaben in Prozent
    n = 21.835, p <= 0,000