gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Hat die Praxisgebühr eine nachhaltige Steuerungswirkung?

Zwischen 2004 und 2012 zahlten gesetzlich Versicherte einmal im Quartal eine Praxisgebühr. Die direkte finanzielle Beteiligung an den Behandlungskosten sollte zu größerem Kostenbewusstsein und höherer "Eigenverantwortung" der Versicherten beitragen. Konnte die Einführung der Praxisgebühr die hohe Anzahl von Arztkontakten in Deutschland verringern?

Die Einführung der Praxisgebühr sollte einer Tendenz zur Überinanspruchnahme von medizinischen Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung entgegenwirken. Ziel der Regelung war es, Patienten zu rationalem, systemgerechten Verhalten anzuregen und zugleich die Inanspruchnahme von Fachärzten besser steuern zu können. So sollten Versicherte einen Facharzt nicht länger direkt in Anspruch nehmen, sondern zunächst den Hausarzt aufsuchen. Dieser konnte über die weiterführende fachärztliche Behandlung entscheiden und so medizinisch unnötige Facharztbesuche vermeiden.

Der Beitrag "Hat die Praxisgebühr eine nachhaltige Steuerungswirkung?" analysiert die Wirkung der Praxisgebühr auf das Verhalten der Versicherten. Hatte die Zuzahlungspflicht einen positiven Einfluss auf die (Über-)Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen vor allem in der fachärztlichen Versorgung?

Die Ergebnisse im Überblick: Vor Einführung der Praxisgebühr holten etwa 55-59 Prozent der Versicherten vor dem Facharztbesuch eine Überweisung bei ihrem Hausarzt ein. Diese Quote stieg nach Einführung der Zuzahlung bis 2006 auf 85 Prozent an. Damit ging die Zahl der Facharztkontakte ohne vorherige Überweisung deutlich zurück und die Lotsenfunktion der Hausärzte wurde gestärkt. Die Zahl der Arztbesuche in der ambulanten Versorgung nahm in Folge der Praxisgebühr insgesamt eine rückläufige Entwicklung. Bei den Allgemeinärzten sank die Zahl der Praxiskontakte zwischen 2003 und 2007 um 14 Prozent; bei Internisten im selben Zeitraum um 23 Prozent, bei Frauenärzten um 15 Prozent und bei anderen Fachärzten im Schnitt um 13 Prozent.

Das mit der Praxisgebühr verfolgte gesundheitspolitische Ziel, die Hausärzte zu stärken und die Inanspruchnahme von Fachärzten gezielter zu steuern, wurde in der Tendenz erfüllt. Fraglich ist jedoch, ob die gesunkene Zahl der Arztkontakte nicht in hohem Maße auch mit einem durch neue Vergütungs- und Budgetregellungen geänderten Verhalten der Ärzte in Zusammenhang stand. Größere Einsparungen bei den Leistungsausgaben der Krankenkassen und ein Rückgang der Überinanspruchnahme von Krankenversicherungsleistungen konnten zum Zeitpunkt der Umfrage nicht festgestellt werden. Außerdem zeigten die Umfragewerte, dass die Praxisgebühr die unteren beziehungsweise einkommensschwachen Schichten stärker belastete als die oberen Schichten. Dies ist insofern problematisch, als dass die unteren Gesellschaftsschichten insgesamt einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen. Ab 1. Januar 2013 entfiel die Praxisgebühr ersatzlos.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 2: Entwicklung der Zahl der Praxiskontakte (Gesamt, Allgemeinärzte, Internisten, Gynäkologen, andere Fachärzte)

    Entwicklung der Zahl der Praxiskontakte (Gesamt, Allgemeinärzte, Internisten, Gynäkologen, andere Fachärzte)

    *nur Befragte, die mindestens einmal beim Arzt waren (n=15631)
    **auch Befragte, die nicht beim Arzt waren (n=16600)
  • Abb. 3: Entwicklung der Zahl der Praxiskontakte nach subjektiven Gesundheitszustand

    Entwicklung der Zahl der Praxiskontakte nach subjektivem Gesundheitszustand

    nur Befragte, die mindestens einmal beim Arzt waren (n=15566)
  • Abb. 4: Anteil der Befragten, die als Reaktion auf die Praxisgebühr Arztbesuche aufgeschoben, vermieden oder zusätzliche gemacht haben

    Anteil der Befragten, die als Reaktion auf die Praxisgebühr Arztbesuche aufgeschoben, vermieden oder zusätzlich gemacht haben

    Alle Angaben in Prozent
    p=0,000; n=8688
  • Abb. 9: Genannte Gründe für das Aufsuchen eines Facharztes ohne Überweisung

    Genannte Gründe für das Aufsuchen eines Facharztes ohne Überweisung

    n=2654