gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Gerechtigkeit im Kontext von Gesundheit

Hat die Bevölkerung Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen und bewertet sie dieses als gerecht? Die Beantwortung dieser Fragen entscheidet über Inhalt, Akzeptanz und Umsetzungschancen neuer Reformvorhaben. Dieser Beitrag nähert sich dem Begriff der Gerechtigkeit im Kontext von Gesundheit.

Gesundheit zählt zu den Basiselementen der von Gerechtigkeit skizzierten Grundansprüchen und Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen und wird zudem oftmals als Bedingung der Realisierung anderer Grundansprüche betitelt. Auch die jüngere gesundheitspolitische Debatte in Deutschland beinhaltet Gerechtigkeitsbegriffe und –konzepte, wobei hierbei die ökonomisch definierte Verteilungsgerechtigkeit im Vordergrund steht. Eine umfassende theoretische und praktische Beschäftigung mit Gerechtigkeit im Gesundheitswesen macht es jedoch erforderlich, dass die Konzentration bzw. Reduktion auf Verteilungsgerechtigkeit relativiert und überwunden wird.

Die Ergebnisse des Gesundheitsmonitors machen deutlich, dass die wissenschaftliche Debatte zum Gerechtigkeitsbegriff eine andere ist als die, die in der Bevölkerung geführt wird. Die Zustimmung zu den solidarischen Grundprinzipien der GKV ist nach wie vor hoch, auch wenn beispielsweise Zuzahlungen oder höhere Beiträge für gesundheitsschädliches Verhalten teilweise überraschend hohe Zustimmungswerte bekommen. Unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Verständnisse von Ungerechtigkeitsbegriffen und –vorstellungen sind in der Bevölkerung zu beobachten.

Sehr eindeutig ist die Antwort auf die Frage, ob es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin geben würde. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die große Mehrheit der gesetzlich Versicherten persönliche Erfahrungen mit der Existenz einer nach sozialen Kriterien unterschiedlichen gesundheitlichen Versorgung gemacht hat. Davon haben über 40 Prozent diese Erfahrungen in sehr starkem Maße gemacht. Insbesondere die Doppelstruktur aus GKV und PKV trägt hierzu bei. Eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hält nahezu alle tatsächlichen oder vermeintlichen Vorzugsleistungen der privaten Krankenversicherung für ungerecht. Egal, ob es um sorgfältigere Behandlungen, schnellere Arzttermine, bessere Medikamente oder gar den bevorzugten Erhalt eines Organ geht, hielten dies zwischen 80 und 90 Prozent der GKV-Versicherten für ungerecht. Lediglich drei bis neun Prozent der GKV-Versicherten bewerten neun der zehn genannten Privilegien als gerecht.

Zahlen und Daten zur Studie

  • Abb. 5. - Große Mehrheit der GKV-Versicherten erlebt Zwei-Klassen-Medizin

    Gibt es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin? Die Sicht von GKV- und PKV-Versicherten

    n = 1.789 GKV- und PKV-Versicherte
    Angaben in Prozent der Befragten
  • Abb. 6. - GKV-Versicherte sind von einer Besserbehandlung der Privatpatienten überzeugt

    Bewertung einer überwiegenden Besserbehandlung von Privatpatienten durch GKV-Versicherte

    n = 1.520 GKV-Versicherte
    Angaben in Prozent der Befragten