gesundheitsmonitor
Das Gesundheitssystem aus Sicht der Bürger

Bürgerorientierung im Gesundheitswesen

Die Verbreitung innovativer und zustimmungsstarker Veränderungen  im Gesundheitswesen verläuft nach vorherigem Erprobungsstadium zumeist nur recht langsam oder gar nicht. Der Beitrag liefert eine begriffliche Einordnung der Bürgerorientierung und beschreibt, welche sozialen Faktoren und Konstellationen die Umsetzung bürgerorientierter Lösungen und Leistungen hemmen und welche diese fördern. Welche Schritte sind notwendig, um das Konzept der Bürgerorientierung zu stärken?

Das Konzept der Bürgerorientierung liefert keine unmittelbaren Lösungen für ein Problem, sondern übt vorranging Kritik am Status quo. Was sind dabei die Vorteile von Bürgerorientierung und was ist sie fähig zu leisten? Unter anderem zählen die potentielle Überwindung von Interessensgegensätzen, die Möglichkeit der Einbeziehung professioneller Experten oder auch die Rückgewinnung demokratischer Teilhabe zu vermuteten Vorteilen. Demgegenüber stehen mögliche Nachteile wie die Demotivierung durch Arbeits- und Handlungsdruck in etablierten Gremien, Evaluationsmängel und Informationsdefizite, die große Komplexität und Vielschichtigkeit der Entscheidungsprozesse und Sachthemen sowie die Infragestellung von Institutionen mit großer Macht. 

Der Beitrag stellt heraus, dass zahlreiche Veränderungs- und Modernisierungsprozesse Bürgerorientierung und die damit assoziierten Inhalte und Formen notwendig machen. Allerdings mangelt es neben der fehlenden Bereitschaft seitens des Staates und der Gesetzgebung, sich der Problematik knapper Ressourcen im Gesundheitswesen nachhaltig und offen zu widmen, an der Umsetzung geeigneter Handlungsstrategien durch Entscheidungsträger. In diesem Zusammenhang scheinen konstitutive Prinzipien des deutschen Gesundheitswesens seit einiger Zeit weniger wirksam als notwendig zu sein. So gewährt der Gesetzgeber der GKV in vielerlei Hinsicht freie Gestaltungsmöglichkeiten zur Erreichung festgelegter Ziele wie beispielsweise die „Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen“ (§ 20 Abs. 1 SGB V) oder die Sicherung der Qualität der gesundheitlichen Versorgung.

An dieser historisch bedingten Aufgabenverteilung von Staat und Selbstverwaltung hält der Staat formal und organisatorisch weiter fest. Die Bildung einer Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), die verstärkte aktive Einbeziehung der Patienten bei Entscheidungen („Shared Decision Making“) und die Notwendigkeit der Beschäftigung mit der Frage, wie ein temporär wachsender Versorgungsbedarf und teils teurere Leistungen des medizinisch-technischen Fortschritts mit knappen finanziellen Ressourcen finanziert werden können, führen zu einer die intensiveren Thematisierung des Konzepts der Bürgerorientierung in den vergangenen Jahren.

Dennoch existieren nur wenige methodisch fundierte Untersuchungen, die geeignete Methoden und Wege beschreiben, wie Nutzer von gesundheitlichen Leistungen auf Bevölkerungsniveau in Entscheidungen über Versorgungsangebote einbezogen werden oder mitwirken können. Deshalb fordert der Beitrag, dass die Forschung über die Wirksamkeit und den zusätzlichen Nutzen von Bürgerorientierung intensiviert werden muss. Generell steht der Beitrag der Stärkung einer systematischen und innovativen Einbeziehung von Nutzern zur Schaffung von Lösungen im Gesundheitswesen positiv gegenüber. Hierfür ist eine Analyse der Konstituierung und der Arbeits- und Wirkweise des traditionellen Interessensvertretungssystems in der GKV von Nöten. Weiter gilt es, die Rolle der Bürgerorientierung näher zu definieren, um ein systematisches Hinzufügen der Bürgerorientierung neben dem traditionellen System gewährleisten zu können. Auch interne Strukturen müssen in diesem Zusammenhang auf ihre nachhaltige Wirksamkeit untersucht werden.